Weidendorfer, Claus

Claus Weidensdorfer (geb. 1931) hat sich mehrfach mit dem literarischen Werk von Johannes Bobrowsky (1917–1965) beschäftigt, dieser Gouache liegt folgender Text zugrunde: »Die ersten beiden Sätze für ein Deutschlandbuch. …

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…Als die ersten Nachrichten von den Massenmorden an Juden in die Stadt gelangten und jedermann meinte, sie seien übertrieben, so schlimm könne es ja wohl nicht sein, und jeder dennoch ganz genau wußte, dass sich das alles tatsächlich so verhielt, dass keine noch so ungeheuren Zahlen, keine noch so grässlichen Methoden und raffinierten Techniken, von denen man hörte, übertrieben waren, dass wirklich alles so sein musste, weil es gar nicht anders sein konnte, und dass es längst nicht mehr die Zeit war, davon zu reden, ob es nicht doch noch andere, mildere, menschlichere Verfahren gegeben hätte, Ausweisungen ja wohl nicht mehr, jetzt im Kriege, aber doch garantierte Reservationen, mit Eigenverwaltung undsoweiter, als das völlige Schweigen an der Reihe war, als man sich selber schon hinweggeschwiegen hatte, wer weiß wovon und wer weiß wohin, gegen nichts mehr einen Widerspruch aufsteigen spürte, nur so daherredete, zwischen einem nachlässig stilisierten Witz und dem feierlich-feuchten Gefühl, in einen Schicksalskampf von mythischem Rang einbezogen zu sein, wider Willen, zugegeben, als es so weit war mit denen, die frei herumliefen in Deutschland und frei herumlebten, unter den erschwerten Bedingungen des Krieges, zugegeben, als sie so weit gekommen waren, – was nichts heißen soll, denn so weit waren sie ja dann wohl schon seit je gewesen, wenn es jetzt so gut klappte, als es also war wie schon immer, als das so war, läuteten die Glocken – für gar nichts Besonderes: die Hochzeit eines Hirnverletzten, dem man in Anbetracht seiner militärischen Auszeichnungen diesen Wunsch nicht hatte abschlagen können, eines garnisonsverwendungsfähig geschriebenen, aber für die nächsten Jahre vorerst beurlaubten Oberleutnants der Pioniere, mit einer Krankenschwester namens Erika, die ihn im Sanatorium vom Fensterkreuz, an dem er sich aufgeknüpft, mit eigner Hand abgeschnitten hatte und die er am Abend der Hochzeit noch erwürgte, in einem sogar vermuteten Anfall von Geistesgestörtheit, was auch nichts heißt, denn geistesgestört zu sein war ohnehin sein behördlicher Zustand gewesen seither, das heißt seit zwei Jahren, seit seiner Verletzung. Das eine also seit zwei Jahren, das andere seit wann?«
Die Prägnanz der Komposition von Weidensdorfer korreliert mit der Dichte des literarischen Textes: So wie Bobrowsky in nur einem Satz ein Stück deutscher Geschichte fasst, kristallisiert sich in der räumlichen Enge der Szene das menschliche Mit- und Nebeneinander. 


Claus Weidendorfer, Nach Bobrowsky, um 1987, VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Claus Weidendorfer, Landschaft mit trigonometrischem Punkt, 1999, VG Bild-Kunst, Bonn 2016
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