Lerche, Horst

Dem Titel entsprechend inszeniert Horst Lerche (geb. 1938) »Bildräume«, die aus der reinen Farbe erwachsen. Der Rezipient nimmt jedoch zunächst kontrastreiche, spannungsgeladene Farbflächen wahr, dann erst, nach näherer Betrachtung, erschließt sich eine bunte, teilweise gegenständliche Bildwelt, in welcher es Motive zu entdecken gilt und die zu immer neuen Assoziationsmustern führt. …

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…Die Intention des Künstlers kann durch den Wirkungszusammenhang von Farbe und Raum beschrieben werden. Wie verhält sich der reale Raum zum bildnerisch geschaffenen? Wie nimmt der Betrachter ihn wahr? Welche Stellung nimmt dieser innerhalb des Raumgefüges ein? Wenn die Arbeiten in den frühen Schaffensjahren zunächst noch ostentativ gegenständliche Bezüge aufweisen und Landschaften oder Interieurs zeigen, sind hiervon in den »Bildräumen« nur noch Fragmente wahrnehmbar. Doch stellen sich aufgrund der heutigen Natur- und Kunsterfahrung landschaftliche Assoziationen ein. Haben bereits die impressionistischen Künstler des 19. Jahrhunderts ›lediglich‹ den landschaftlichen Eindruck auf die Leinwand bannen wollen und die mimetische Abbildung derselbigen abgelehnt, so nimmt der Betrachter in den Gouachen Lerches möglicherweise Impressionen eines blauen Himmels, eines blühenden Gartens, bunter Blumenrabatte oder einen Blick auf einen See aus der Vogelperspektive wahr. Die »Bildräume« sind stets durch eine farbige Rahmung eingefasst, die an einen Ausblick durch ein Fenster erinnert. Damit schafft Lerche mit einem einfachen kompositorischen Mittel einen Bild- und zugleich einen abstrakten Farbraum. Diesen grenzt er in zweifacher Hinsicht ab: Der Rahmen bezeichnet einerseits formal das Ende der Komposition, durch ihn ist das Bild als solches abgeschlossen. Der dargestellte Raum öffnet sich darin in die Bildtiefe. Der strikten Linearität des Rahmens setzt Lerche eine bewegte, durch runde Formen gekennzeichnete Lebendigkeit in der Darstellung entgegen. Andererseits wird der Betrachter deutlich vom Bild abgegrenzt. Der Rahmen bildet für ihn eine Grenze. Er kann lediglich in die Landschaft ausblicken, aber nicht in sie hin- eingesogen werden, der Rahmen wirkt wie eine raumtrennende Brüstung, über die er nicht klettern kann. Horst Lerche kann gleichsam als Landschaftsmaler bezeichnet werden. Die Gattung der Landschaftmalerei war vielfachen Wandlungen unterzogen gewesen, davon betroffen war besonders die Perspektive. Mittels der Zentralperspektive war es den Künstlern möglich, den bildnerischen Raum mathematisch dreidimensional zu konstruieren und nach hinten in den Bildraum auszudehnen. Die Evokation des Raumes wurde durch die Darstellung eines Fensters oder anderer Repoussoir-Elemente verstärkt. Als zeitgenössischer Maler diskutiert Horst Lerche den landschaftlichen Bildraum mittels einer post- modernen Ästhetik, die zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion angesiedelt ist.

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1– 6 Aus der Serie Bildräume, 1997

Gouache auf Papier

je 32 x 24 cm

6 von 10

VG Bild-Kunst, Bonn 2016

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